Ein kleiner Auszug aus "Olli und die Hundefängerbande"
Prolog
Hi, ich bin Olli, erinnert ihr euch an mich? Ich war einer von denen, die Nackenlocke und Walross die Galionsfigur wieder abgejagt haben. Seid ihr inzwischen auch mal auf Ameland gewesen? Ich könnte jedes Jahr auf die Insel fahren, aber letzten Sommer haben wir die Ferien ausnahmweise mal nicht dort verbracht, sondern auf einem Plattbodenschiff auf dem Ijsselmeer. Alle sind wieder mitgefahren, die Lehmänner aus Nordhorn, Hannah und Meike und natürlich auch Hanjo, Pit und Katja Franzen aus Berlin, meine Schwestern Paula und Lara, die alter Meckertante, und natürlich unsere sechs Erziehungsberechtigten. Klar, ich meine unsere Eltern. Es sollten ganz normale Ferien werden, aber wahrscheinlich gibt es das bei uns gar nicht. Wie immer steckten wir plötzlich mitten in einem Abenteuer.
Alles fing damit an, dass Gisbert, der neue Hund der Lehmänner, verschwunden war. Er ist nämlich von …, aber das verrate ich jetzt lieber noch nicht, ihr sollt ja weiterlesen. Ach ja, und diesmal rede ich, weil Jungs schließlich auch mal die Klappe aufmachen. müssen. Hannah hat ja schon von unseren Ferien auf Ameland erzählt.
Am Hafen
„Hör auf zu lecken!“, meckerte Hannah mit Gisbert, einem kleinen Jack-Russel-Terrier. Die Lehmänner haben ihn nach unserem letzten Amelandurlaub gekauft. Er ist fast ein Jahr alt und hat nur Unsinn im Kopf, aber voll die treuen Hundeaugen. Gisbert hat spitze Ohren und ein braun – weißes Fell. Als ich ihn sah, dachte ich gleich an Mr.Spock, den Vulkanier aus dieser uralten Raumschiff Enterprise – Serie. Alle haben sich sofort mit Gisbert angefreundet, sogar Papa, obwohl er Hunde eigentlich nicht ausstehen kann. Einmal hat er sogar gesagt: „Nur ein toter Hund ist ein guter Hund.“ Das war natürlich echt gemein, aber Gisbert gefiel ihm irgendwie.
Pit, Hanjo und ich bekamen eine Kajüte zusammen, ganz vorne im Schiff, also im Bug, sagen die Schiffer, und wenn sie nach hinten gehen, sagen sie achtern, oder das Heck. Ich werf das immer wieder durcheinander. „Coole Hütte“, meinte Pit, als wir unsere Koffer die schmale, steile Treppe nach unten geschleppt und durch einen schmalen Gang unser Zimmer - t’schuldigung - ich meine natürlich unsere Kajüte erreicht hatten. „Hier schläft übrigens mein Ball“, grinste er, „Hanjo, du musst auf dem Boden pennen.“ „Sehr witzig. Olli, sag meinem bescheuerten Bruder, dass er mir nicht auf den Keks gehen soll, sonst landet sein Ball sofort im Hafen.“
Die beiden hatten schon während der Fahrt Stress, weil Hanjo unbedingt ins Zuiderzee – Museum will. Da soll man sich alte Häuser und so was angucken können. Pit war noch nie Museumsfan. Das konnte ich gut verstehen, in den Ferien in Museen rumzuhängen ist auch nicht so mein Ding. Nur letztes Jahr, auf Ameland, war’s gut, denn da haben wir Jaap kennengelernt, den Leiter des kleinen Museums in Buren. Ohne ihn hätten wir den Fall mit der gestohlenen Galionsfigur gar nicht lösen können, ein echt super Typ. „Jetzt hört auf euch anzumachen“, mischte ich mich ein, „der Ball kann ja wohl auf dem Boden pennen!“ „Na bitte, Brüderchen“, grinste Hanjo, „Olli hat gesprochen.“ Er nahm den Ball in beide Hände und legte ihn vorsichtig auf den Boden. „Nun, Herr Ball, ist es so Recht, liegen Sie bequem, oder hätte Sie lieber die andere Ecke?“
Hanjo ist zwar eine Intelligenzbestie, aber manchmal kann er auch richtig witzig sein. Als wir alles eingeräumt hatten, sind wir in die Mädchenkajüte gegangen, die schlafen da alle fünf. Das konnte man sofort riechen, es stank nämlich voll nach Deo und Cremes und so Zeug. „Wenn ihr mit dem Einräumen fertig seid, könntet ihr helfen die Vorräte in die Küche zu tragen“, stöhnte Lutz, Hannahs und Meikes Papa. Er balancierte gerade mit einer Kiste die steile Treppe nach unten. „Das heißt Kombüse“, kam Hannahs Stimme aus dem Mädchenzimmer, nein, natürlich aus der Mädchenkajüte. Lutz knallte die Kiste auf den Tisch. „Du sollst doch nicht die schweren Sachen tragen, sonst hast du es gleich wieder am Rücken“, schimpfte Beate, die sich immer um Lutz Sorgen macht, weil er oft einen Hexenschuss hat und sich dann nicht mehr bewegen kann. Letztes Jahr auf Ameland ist ihm das sogar passiert, als wir die Diebe der Galionsfigur fangen wollten. „Also, Jungs, rauf mit euch, auf Deck sind noch mehr Kisten!“ Sie zeigte nach oben. Papa und Uli, der Vater von Hanjo, Katja und Pit, schleppten eine nach der anderen aus den Autos aufs Schiff. Es dauerte fast eine Stunde, bis wir fertig waren. Die Mädchen haben sich natürlich gedrückt, weil sie angeblich mit ihrer Kajüte noch nicht fertig waren. Was soll’s, wir sind auch ohne sie klar gekommen, aber als der Skipper uns auf dem Boot alles erklären wollte, war ich von der Schlepperei ganz schön kaputt.
„Herzlich willkommen auf der Ana Lena“, begrüßte er uns, „mein Name ist Bart Hagenboom, ich bin der Kapitän. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass ich die Ana Lena nicht alleine segeln kann, ihr müsst mir also helfen. „Mit dem größten Vergnügen, genauso hab ich mir das vorgestellt“, rief Papa, „ich stelle mich gerne als Steuermann zur Verfügung, bin selbst erfahrener Seemann!“ Klar, dass Papa einen Witz gemacht hatte, aber Paula hat mit seinen Witzen immer Probleme, wahrscheinlich tun sie ihr weh, denn sie verdreht dann immer so komisch die Augen. „Hör auf Papa, du bist du doch nur mit kleinen Segelbötchen auf dem Aasee gefahren!“ „Schön, dass du an mich glaubst, Paula“, grinste er und zwinkerte mir zu. Das macht er immer, wenn er Druck von Paula bekommt. „So genau will ich die Aufgaben gar nicht verteilen“, meinte Bart, „steuern darf jeder mal, aber alle müssen mit anpacken, zum Beispiel beim Segel setzen. Wir werden so oft wie möglich den Motor abstellen, der Kraftstoff ist schließlich nicht billig. Außerdem müsst ihr kochen, putzen, Wache halten und so weiter, ihr werdet also keine Langeweile haben. Wie heißt eigentlich euer Hund?“ „Gisbert“, antwortete Meike. Bart ging auf ihn zu, ich glaube er hat Ahnung von Hunden, denn Gisbert ließ sich sofort von ihm streicheln und bekam ein Leckerchen. Er leckte Bart sogar die Hand ab. „Prima, dann bist du ab heute unser Schiffshund“, meinte er.
„Wunderbar, diese Ernennung sollten wir mit einem Gläschen Eierlikör feiern!“, rief Papa dazwischen. Die anderen Väter nickten begeistert. Eierlikör mit Sahne trinken sie total gerne. Obwohl das Zeug so dick ist wie Pudding und sie dafür immer einen Löffel brauchen. „Papa, hör auf, das ist doch peinlich“, meckerte Paula schon wieder. „Wenn sie so weitermacht, kann sie Lara als Meckerziege ablösen“, dachte ich. Bart fand es lustig. „Ihr trinkt gerne Eierlikör?“, lachte er. „Das Zeug mögen bei uns nur Frauen ab achtzig.“ „Ich sag’s doch, unsere Männer verwandeln sich in Holland immer mehr in alte Tanten“, grinste Mama. „Sehr witzig, aber das Zeug schmeckt eben verteufelt lecker. Außerdem ist es doch bestimmt ein typisches Seebärengetränk, oder?“, wollte Papa wissen. Er ließ sich nicht so schnell aus der Fassung bringen. Bart zuckte mit den Schultern. „Eigentlich ist das Rum, aber da finde ich sogar Eierlikör leckerer. Aber natürlich ist Alkohol, egal in welcher Form, während der Fahrt streng verboten. Nicht, dass mir noch jemand über Bord geht. Aber jetzt passt mal auf ...“
Er erklärte uns, was wir zu tun hatten, wenn wir in einen Hafen ein – oder auslaufen, wie Segel gesetzt und wieder eingeholt werden, wohin wir fahren und worauf wir insgesamt so achten sollten. Auch Ameland war auf der Route. Das fand ich super, denn dann konnten wir Jaap wieder treffen. Das Schiff, die Ana Lena, gefiel mir voll gut. Es war ein strahlend blauer Einmaster mit einem roten Streifen um den Bug herum, natürlich viel größer als die Segelboote, mit denen Papa auf dem Aa – See herumfuhr, denn die haben ja keine Kajüten und keine Küche. Was mir auffiel, waren zwei riesige Holzschwerter an beiden Seiten des Bootes. „Wofür sind diese großen Holzbretter?“, wollte ich von Bart wissen. „Die geben dem Schiff Stabilität, wenn man sie während der Fahrt ins Wasser lässt. Die Ana Lena hat nämlich keinen Mittelkiel, sie ist ein sogenanntes Plattbodenschiff. Wir können deshalb sogar noch bei Ebbe mit wenig Wasser unter dem Kiel fahren.“ „Dann könnten wir uns ja im Watt vor Ameland sogar trocken fallen lassen und aussteigen!“, rief Hanjo. Wahrscheinlich hatte er vorher wieder alle möglichen Bücher übers Segeln gelesen. „Genau, das haben wir auch vor. Aber genug gequatscht, jetzt legen wir ab. Marlies, Heike, Hannah und Katja, ihr holt die Reifen an Bord, die anderen können unter Deck weiter Ordnung schaffen oder bei der Ausfahrt zugucken. Heute ist der Wind günstig, deshalb fahren wir Richtung Norden, nach Lemmer. Also, an die Arbeit!“
Bart stand auf, löste die Vertäuung am Uferpollen und startete den Motor. Das ganze Schiff begann zu zittern und es wurde ziemlich laut, Gisbert erschreckte sich, sodass er laut losbellte. „Der muss noch lernen damit klarzukommen“, meinte Meike und streichelte ihn. Das Schiff löste sich langsam von der Kaimauer. Als wir hier in Zwartsluis ankamen, waren wir Autofahrer, jetzt waren wir Seefahrer, klasse. Papa, unser Segelprofi, meinte, das Beste, was man über Zwartsluis sagen könne, sei, dass hier der Segeltörn beginne. „Wie lange sind wir denn heute unterwegs“, fragte Hannah den Skipper. Er wirbelte wie wild an dem großen Steuerrad, sodass die Ana Lena ihre Nase Richtung Hafenausfahrt drehte. „Schätze so fünf bis sechs Stunden, aber es hängt natürlich vom Wind ab.“
Als wir langsam an den anderen Schiffen vorbeizogen und ein bisschen Fahrt aufnahmen, tuckerte der Motor leiser und Gisbert beruhigte sich wieder. „Ist noch nicht der perfekte Bordhund“, grinste Pit. „Wenn der jedes Mal so verrückt bellt, wenn wir losfahren …“ „Nein, so ein Mist!“, brüllte Lara plötzlich. Sie hüpfte auf einem Bein an der Reling entlang und sah angeekelt unter ihren linken Schuh. „Euer blöder Hund hat gekackt, das stinkt ekelhaft!“ „Stell dich nicht so an und mach’s wieder sauber, das kann einem Hund schon mal passieren!“, meinte Paula. Zwar hab ich mit Lara nicht mehr so oft Stress wie damals auf Ameland, aber ich fand’s trotzdem witzig, dass ausgerechnet sie da reingetreten ist. Ich musste lachen. „Ja, ist gut Olli“, meinte sie genervt, „wie krieg ich meinen Schuh denn wieder sauber?“ „Ich hab hier einen Eimer mit Seil, zieh dir Wasser an Bord!“, sagte Bart.